Crocosmia x crocosmiiflora 'Lucifer'
Heute soll es um Staudenmontbretien gehen. Dazu muss ich etwas weiter ausholen.
Als ich in die Grundschule ging, spukte in unseren Büchern ein gewisser Uli. Er hatte es auf unsere Buchstaben, Wörter und Sätze abgesehen. Ich weiß nicht mehr, ob er das Tintenfass leer trank, um seine Kleckse in unseren Heften zum Erlernen des Schreibens und Lesens zu hinterlassen oder ob er seine Schwanzspitze darein tunkte, um das „A und O“ unserer Sprache zu überpinseln, so dass wir kräftig nachdenken mussten, um die fehlenden Laute aus dem Kontext zu erschließen. Was ich noch weiß ist, dass er mich begeisterte: Es war Uli, der Fehlerteufel!
Als ich viele Jahre später in die Gärtnerlehre ging, war es wieder ein „Lucifer“, der mich faszinierte. Diesmal handelte es sich um die gleichnamige feuerrote Crocosmia-Hybride. Gezüchtet hat sie der berühmte englische Staudengärtner Alan Bloom. Erste Hybriden der Südafrikanerin hatte 1880 der für seine Päonien- und Fliedersorten bekannte Franzose Victor Lemoine in Frankreich verbreitet. Als Bloom mit der Auslese begann, kannte man unter anderen Crocosmia paniculata und C. masoniorum. Erstere ist eine sehr wüchsige Wildart aus den feuchten Grasländern Swazilands und dem östlichen Transvaal und Zimbabwe, die sich in Ost-Schottland besonders wohl fühlte. Zweitere wurde 1896 im Südosten des Kapgebirges entdeckt und befand sich als besonders Großblumige seit 1950 in Gartenkultur. Vielleicht dachte sich der Brite „just for the hell of it“, was umgangssprachlich so viel wie „nur so zum Spaß“ heißt, müsste es doch möglich sein, beide Eigenschaften – aufrechter Wuchs und Großblumigkeit - in einer neuen Hybride zu vereinen. Das Experiment gelang: Heraus kam unter anderen Sorten, die teuflisch rote ‚Lucifer’.
Crocosmia x crocosmiiflora 'George Davidson'
Und da stand sie nun vor mir, und wirkte so ganz anders als all die anderen Gewächse rundherum. In ihr verbanden sich, die für Montbretien so typisch glühenden Farben eines heißen Afrikas mit der Anmut orchideenartiger Blüten. Fast könnte man meinen, auf den grazil überhängenden Stielen säßen Schmetterlinge – vorne, die mit zugeklappten Flügeln, hinten, die mit offenem Flügelschlag, denn die Knospen an den zweireihigen Ähren öffnen sich vom Stiel zur Spitze hin. Mit tänzerischer Leichtigkeit schaukeln die hohen Blütenstängel im Wind. Im Gegensatz dazu stehen die vor Kraft strotzenden, schwertförmigen Blätter, die mit ihren gerippten Adern einen gewissen Schmuckwert besitzen.
War es mit ‚Lucifer’ so wie mit unserem Uli? Der hatte auch so etwas liebenswürdig Unbeschwertes, aber man sollte nie vergessen, dass er ein Fehlerteufel war. „Den Teufel kennt man an den Klauen“, lautet ein Sprichwort. ‚Lucifer’ hatte Knollen. Das erklärte warum er zwar in feucht-nahrhaftem, nicht aber staunassen Boden stehen wollte. Beim Pflanzen setzt man Montbretien am besten auf ein Sand- oder Feinkiesbett von 15 bis 20 Zentimeter. Gesetzt werden solche Knollen im Frühjahr. Bessere Erfahrungen habe ich mit getopften Pflanzen gemacht, die Sie auch jetzt im Sommer pflanzen können. Die trockenheitsempfindlichen Stolonen (unteriridische Triebe an den Knollen), aus denen sich die nächste Generation mittels Tochterknollen entwickelt, sind besser geschützt. Zudem gibt Ihnen das bei blühenden Exemplaren eine Sicherheit bei der Sortenwahl. Die größten Blüten von einem leuchtenden Hellorange mit roten Innenflecken hat ‚Emily Mc Kenzie’. Die mit 50 bis 70 Zentimeter eher niedrige Crocosmien-Hybride gilt ihrer langen und reichen Blütezeit von Juli bis Oktober wegen als eine der schönsten Sorten. Nach dem erfolgreichen Crocosmienzüchter und Headgardener von Westwick Hall wurde die sehr reich blühende orangegelbe ‚George Davidson’ benannt. Fast doppelt so hoch wird mit bis zu einem Meter Wuchshöhe die feuerrote ‚Emberglow’. Sie hält was ihr Name verspricht und verglüht ihre Blütenglut über drei Monate. Durchs Feuer aber – und das sind ja für alle „Nicht Weinbauklima-Gärtner“ tiefe Minusgrade – geht ‚Lucifer’ sicher.
Crocosmia x crocosmiiflora 'Emberglow'
Genau hier am Eingangsbereich des Staudensichtungsgartens Weihenstephan in Freising hatte er es bewiesen. Man hätte ‚Lucifer’ sonst „zum Deiwi g’jagt!“, wie der Bayer sagt. So aber stand das staunende Publikum vor einer winterharten Pflanze wie man sie bei uns nicht vermutet. Ihre Exotik wurde durch die Kombination mit blauen Agapanthus-Headburne-Hybriden, den einzigen bei uns winterharten Schmucklilien, noch unterstrichen. Beide sind besonders Wärme liebend und wurden eingedenk der bayrischen Frostperioden mit einer schützenden Mulchabdeckung geschützt. Ich habe im Garten die Erfahrung gemacht, dass Montbretien-Hybriden den Winter sogar ohne Extra-Schutz überstehen. Unser Trick: Wir kombinieren sie mit Wieseniris und Taglilien. Der Blattdschungel aus Iris sibirica und Hemerocallis-Hybriden schirmt sie sicher ab.
Wie sich Crocosmien auf höchstem gestalterischen Niveau vergesellschaften lassen, zeigen Ihnen die Pflanzpläne von Hella Kreiselmeyer. ‚Lucifer’ hat sich mit ein paar dunklen Gestalten wie Purpur-Fenchel ‚Atropurpureum’ (Foeniculum vulgare), Berberitze ‚Bonanza’ (Berberis thunbergii), Perückenstrauch ‚Royal Purple’ (Cotinus coggygria) und Hechtrose (Rosa glauca) von blaubereiftem Laub zusammengetan. Drumherum brodelt ein Feuer aus leuchtend blutroter Schafgarbe ‚Jola’ (Achillea filipendulina), loderndem Knöterich ‚JS Caliente’ (Bistorta amplexicaule) und ins braunrot gehende Sonnenbraut ‚Moerheim Beauty’ (Helenium-Hybride). Dazu steigen auf gelbe Flammen von Wiesenraute (Thalictrum flavum ssp. glaucum), Goldrute ‚Goldenmosa’ (Solidago x hybrida) und Königskerze (Verbascum nigrum).
Crocosmia x crocosmiiflora 'Solfatare'
Beruhigendes Grün und Gelb mit einem Akzent aus blauen Blüten von Kugeldistel ‚Veitch’s Blue’ (Echinops ritro) und Salbei ‚Blauhügel’ (Salvia nemorosa) gibt den Ton im Beet um Crocosmia ‚Solfatare’ an. Die leuchtend gelbe Sorte mit den bronzegrünen Blättern begeistert ihr europäisches Publikum seit 1897. So wie allgemein die rein gelben Sorten als weniger winterhart gelten, ist sie nicht sehr hart. Dann muss man sie eben im Spätherbst herausnehmen. Lassen Sie die Erde dran (Stolonenschutz). In Töpfe gesetzt, wird sie fast trocken und sehr kühl überwintert. Auf ihre Exotik im Staudenbeet will man jedenfalls nicht verzichten.
Da spricht mal wieder Uli, der Fehlerteufel: Schaut her, ich mach’ euch das Leben schwer, aber am Ende habt ihr doch eine ganze Menge gelernt - zum Beispiel, das hätte ich fast vergessen, dass Crocosmien ideale Schnittblumen sind.