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Gartenkolumne: Geliebte Elin!

Thalictrum  delavayi  'Elin'
Thalictrum delavayi 'Elin'
Elin! Du Zierrath sondersgleichen - besondere Pflanzen bedürfen besonderer Wortwahl. Elin! Du hoch wohl Geboren – sie kann ja bis drei Meter hoch werden. Elin! Da stehest Du, ein Festung die gen Himmel reichet – unheimlich standfest, die Gute. Und treibest Blüten schön wie Amethyst – genau!

Hätte es die gigantische Wiesenraute ‚Elin’ (Thalictrum x delavayi) schon im Mittelalter gegeben, sie wäre ein Sujet des Minnegesangs geworden – da bin ich mir sicher. So nach dem Motto: „Ich bin din, du bist min, des sollst du gewiß sin!“ Denn wer die elegante Solitärstaude ergattern kann, sollte zugreifen. Mir empfahl sie ein Staudengärtner auf den Freisinger Gartentagen vor sechs Jahren: „Ein Beet beherrschendes Solitärgewächs, dessen Rispen überschäumen vor violettfarbener Blüten mit cremegelben Staubfäden.“ Als mir der Staudenspezi dann noch erzählte, dass die Kreuzung zwischen Thalictrum rochebrunianum und Thalictrum flavum aus Schweden stamme – meinem in selbigem Jahr auserkorenen Urlaubsland – war der Handel perfekt.

Stolz zog ich von dannen, das kleine Pflänzchen im 13 cm Topf, aus dem einmal ein Riese von einem Meter Durchmesser und dreifacher Höhe werden sollte, liebevoll in den Händen haltend. In solchen Momenten kann man es nur mit den Dichtern halten „Wie herrlich leuchtet mir die Natur! Wie glänzet die Sonne! Wie lacht die Flur!“ War es nicht Johann Wolfgang Goethe, der wie in diesem Liebesgedicht, auch die kleinen Freuden im Garten wahrnahm und beispielsweise ein Gartenfest zu Ehren seiner Malven veranstaltete, sobald sie blühten. Ja, so würde ich’s machen: Zur Blüte, irgendwann zwischen Juni und August, sollten alle Interessierten mit mir feiern. Auf der Einladung würde stehen: „Es dringen Blüten aus jedem Zweig und tausend Stimmen aus dem Gesträuch“, adressiert an die „Freunde der Amstelraute“.

Als es so weit war, sang zwar die Amsel, aber ‚Elin’ machte mich eher stumm. Wäre ein Metermaß zur Messung angelegt worden, hätte man dem angeblichen Goliath ein Daviddasein, sprich Zwergenwuchs bescheinigen müssen. ‚Elin’ geruhte sich auf ihren Vorschusslorbeeren auszuruhen. Nun gut, der Staudenfachmann hatte mir gesagt, man müsse ihr zwei bis drei Jahre zur Entwicklung geben. Im Gegensatz zu ihrem Elternpaar, der zwei Meter hohen gelbblütigen Thalictrum flavum und der ein Meter fünfzig hohen, lilaroten-lockerrispigen Thalictrum rochebrunianum, die übrigens auch sehr schön sind, und etwas schneller starten, lehrt ‚Elin’ seine Gartenfreunde das „Walther von der Vogelweide-Ideal“. Wie der bedeutendste deutschsprachige Lyriker des Mittelalters setzt man sich am besten auf einen Stein, stützt den Ellenbogen aufs Knie, schmiegt Kinn und Wange in die Hand und denkt darüber nach: „wie man zer werlte sollte leben“. Drei Jahre später muss ich sagen: In der Gartenwelt sollte man auf alle Fälle mit einer Thalictrum ‚Elin’ leben.
Thalictrum  flavum ssp.glaucum
Thalictrum flavum ssp.glaucum
Mit einem Mal legt sie los: Majestätisch schiebt sie ihre standfesten, dunkelfarbenen Stängel in die Höhe, strebt den Pfeilern einer gotischen Kathedrale gleich gen Himmel, wo sie ihre Blütenwolken voluminös verteilt und das über drei Monate. Schon im knospigen Stadium wirken die hundertfachen Knöpfchen in kräftigem Lila zauberhaft. Und auch in verblühtem Zustand sieht ‚Elin’ noch gut aus. Dabei war noch nicht einmal die Rede von ihrem wundervollen Laub.

Die Gattung der Wiesenrauten an sich ist nicht zuletzt aufgrund ihres Blattschmucks schon bemerkenswert. Bei der Hybride ‚Elin’ aber steigern sich die fiedrig geteilten Blätter mit den dekorativ gelappten und fein geäderten Einzelblättchen zu einem Kunstwerk. Die graublaue Färbung, mit der für Thalictrum flavum so typischen Bereifung, machen die rosettenartig austreibende Staude, die ihre Blätter auch den Stängel emporwachsen lässt, zu einer äußerst dekorativen Hintergrundpflanze.

Man sollte sie so setzen, dass ihr Laub nicht von Pflanzen im Vordergrund verdeckt wird, denn im Herbst färbt sie sehr schön gelb. Dazu ist sie absolut pflegeleicht. Ich lasse sie stehen, bis man in der warmen Stube die Winterlieder auspackt und es heißt „der Nordwind, o weh’, bringt Kälte und Schnee, was wird denn die Amsel bloß tun, ja tun“. Und das dichtet man dann um in, was wird denn die Amstelraute jetzt tun? Sie wird zerzaust, natürlich. Wem das zu unordentlich aussieht, der schneidet sie ab. Mit ihrem Blattgefieder putzt sie sich pünktlich zum Saisonstart im Frühling wieder raus. Und dieser Neuaustrieb ist ein echtes Spektakel. Sie können ihr beim Wachsen zusehen – und vielleicht sogar ein bisschen anfeuern: Elin, du Holde - oder etwas in der Art.
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