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Gartenkolumne: Langspielplatten

Heuchera  micrantha  'Molly Bush'
Heuchera micrantha 'Molly Bush'
Suchen Sie Pflanzen, die unermüdlich blühen? Der berühmte Staudengärtner Karl Foerster nannte sie „Langspielplatten“. Das erinnert mich an ein Stück des bayrischen Jahrhundertkomikers Karl Valentin. Es heißt „Im Plattenladen“. Die Szene beginnt so: Karl Valentin: „Guten Tag! Ich krieg eine Schachtel Dritte Sorte.“ Verkäufer: „Ja, bei uns gibt es keine Zigaretten zu verkaufen.“ Karl Valentin: „Was gibt’s denn dann?“ Verkäufer: „Bei uns gibt es nur Schallplatten und Gramaphone.“ Karl Valentin: „So? Dann gebn S’ mir halt ein Gramaphon.“ So geht’s mir manchmal auch. Ich durchforste den Staudenkatalog mit der Vorstellung von der dritten Sorte Heuchera x micrantha für meinen Garten, sagen wir ‚Molly Bush’ mit den schönen dunkel braunroten Blättern und dann heißt es da „begrenzt lieferbar“ und dann schau ich mich halt mal bei den „Grammophonblumen“ um.
Matteuccia struthiopteris
Matteuccia struthiopteris
Trichterfarn, zum Beispiel: Matteuccia struthiopteris. Da ist der botanische Name ja schon Musik in meinen Gärtnerohren. Was dem Franzosen Édouard-Léon Scott de Martinville 1860 mit dem Schall gelang, nämlich das französische Kinderlied „Au Clair de la lune“, im Schein des Mondes, mit Hilfe eines großen Trichters einzufangen und mit einer Membran, die die Schwingungen auf eine Schweineborste übertrug, auf eine rußgeschwärzte Walze zu kratzen, gelingt dem Trichterfarn seit Urgedenken mit dem Licht. Ganz ohne Schweineborsten, mithilfe seiner gefiederten Wedel fängt er die Sonnenstrahlen ein und sollte daher unbedingt so gepflanzt werden, dass er im Gegenlicht leuchtet.
Agastache  rugosa  'Blue Fortune'
Agastache rugosa 'Blue Fortune'
Den heute geschützten Farn unserer einheimischen Flora holten sich die Menschen schon vor mehr als 300 Jahren als dekorative, schattenverträgliche Staude in den Garten. Aber Vorsicht, die 80 Zentimeter hohe herrschaftliche Skulpturpflanze braucht Platz. Sie treibt Ausläufer. „Ja da muss man halt Obacht geben“, sagt die Verkäuferin gerade in Karl Valentins Schallplattenladen, als der Kunde sie darauf aufmerksam macht, dass man sich an dem Stachel des Schallplattenspielers stechen könnte.

Nach einigem Hin- und Her landen die beiden beim eigentlichen Objekt des Schauspiels: „Und dann hätten wir noch sehr schöne Sachen in Schallplatten.“ Karl Valentin: „Die wären mir eigentlich viel lieber als ein Gramaphon.“ „Was sollen das denn für Platten sein?“ „So runde dunkelschwarze Platten.“ „Ja, ich meine, wollen Sie Schallplatten mit Musik oder mit Gesang?“ „Nein, nur mit Schall, mit billigem Schall.“
Sedum  spectabile  'Carmen'
Sedum spectabile 'Carmen'
Das erinnert mich schon wieder an eine typische Situation. Ein Gartenneuling will etwas pflanzen. Ich preise ihm Stauden an. Ich preise ihm eine Mexikonessel ‚Blue Fortune’ (Agastache x rugosa) an – würzig-duftende „In-Staude“, ein Meter hoch, geniale Bienen- und Hummelpflanze, blauviolette Blüten auf straffen Stängeln, reichblühend von Juli bis September.

„Also, was sagen Sie dazu, die ist doch schön?“ Der Neuling reagiert in etwas so wie Karl Valentin im Plattenladen auf den vorgespielten Marsch. „Ja, das schon, aber das war doch nicht Caruso?“ Aha, der Gartenneuling will Fetthenne ‚Carmen’ (Sedum spectabile) – eine ausgezeichnete Sorte. Sie blüht ebenfalls von Juli bis September. Ihr Prolog beginnt jedoch schon viel früher mit dem Ansatz der grünknospigen Dolden, die sich zu hellrosafarbenen Tellerblüten entfalten. Und selbst im abgeblühten Zustand sehen die Samenstände noch attraktiv aus. Mit etwas Glück setzt der Winter ein Sahnehäubchen aus Schnee drauf oder überpudert mit Rauhreifkristallen. „Was sagen Sie jetzt?“ Karl Valentin: „Ja, die Caruso-Platten sind schön, aber man kann doch auf diese Platte nicht tanzen.“
Geranium  wallichianum  'Jolly Bee ®'
Geranium wallichianum 'Jolly Bee ®'
Gypsophila  repens  'Rosenschleier'
Gypsophila repens 'Rosenschleier'
Aster  frikartii  'Mönch'
Aster frikartii 'Mönch'
Na, da fällt mir doch gleich Storchschnabel ‚Jolly Bee’ (Geranium wallichianum) ein. So lang und reich wie sie blüht keine. Übersäht von schalenförmigen dunkelblauen Blüten mit großem weißen Zentrum und dunkelbraunen Adern, durchtanzt sie alle Tage und Nächte von Mai bis November. Ihr Double ‚Rozanne’ hat den gleichen Ruf. Manche Fachleute meinen gar, es handle sich bei dem 40 Zentimeter hohen Duo um die gleiche Sorte. Der Gartenneuling hat sich von der „Langspielplatte“ ebenso überzeugen lassen, wie Karl Valentin vom aufgelegten Ländler.

„So was mein ich, das ist die richtige! Was kostet die?“ „Eine Mark fünfzig das Stück“ – also auf unsere Situation und heutige Verhältnisse umgerechnet 6,65 Euro für eine ‚Jolly Bee’. Karl Valentin: „Ist mir zu teuer. Die Hälfte wäre halt recht.“ Ja, da hat sich nichts geändert. Patentierte Tausendsassa-Stauden sollen’s sein, aber kosten dürfen’s nichts – oder halt nicht so viel wie sie wert sind. Natürlich könnte man jetzt anführen wie viel Arbeit und Mühe dahinter steckt eine Sorte zu selektieren, zu prüfen, in entsprechender Stückzahl heranzuziehen, man könnte die Betriebskosten vorrechnen und den Kundenservice in Rechnung stellen, aber sagen wir’s mal wie die Verkäuferin: „Wir haben schon billigere Platten, wenn ich nur wüsste, was sie wollen.“ Karl Valentin: „Doch, ich weiß ja genau.“ „Vielleicht wollen Sie einmal die Melodie pfeifen oder singen?“
Aconogonon  speciosum 'Johanniswolke'
Aconogonon speciosum 'Johanniswolke'
Ach, der Pflanzensucher meint vielleicht ‚Rosenschleier’, eine Schleierkrautsorte (Gypsophila x repens), die schon Karl Foerster als Langspielplatte empfahl. Hellrose gefüllt, überreich von Mai bis September blühend, 30 Zentimeter, ideal für Beetvordergrund oder an Steingartenhängen. Ja, die gibt’s schon ab 2,65 Euro. Karl Valentin: „Die will ich nicht haben. Die Platte spielt meine Hausfrau seit Jahren jeden Tag, zum Hals wächst mir die Platte raus.“ Verkäuferin: „Aber beruhigen Sie sich doch.“ Vielleicht doch lieber Astersorte ‚Mönch’? Gesund, standfest, blüht violettblau von Juli bis Oktober und wird 80 Zentimeter hoch. Die Gattung (Aster x frikartii) wurde vom Schweizer Staudengärtner Frikart selektiert, womit wir „Im Plattenladen“ schon an der Stelle wären, an der es von der Schallplatte tönt: „Hä, er isch jo en geborene Schwyzer!“ Karl Valentin: „Nein, diese Platte gefällt mir nicht.“ Ich halte es mit der Verkäuferin, „Aber das Nächste wird Ihnen bestimmt gefallen“: Berg-Knöterich ‚Johanniswolke’ (Aconogonon speciosum). Den muss man einfach im Garten haben. Der nicht wuchernde Knöterich mit großen weißen Blütentrauben hüllt Staudenbeete im neuen Gartendesign von Juli-September ein Meter hoch in Blütenschnee. Eine Pflanze füllt bereits einen Quadratmeter aus. Wer es dagegen zart liebt und Stauden sucht, die Lücken füllen und wie herumwirbelnde Schmetterlinge zwischen Sonnenstauden gaukeln, greift zu Prachtkerze ‚Whirling Butterflies’ (Gaura lindheimeri): rötliche Knopsen, weiße Blüten. Die stark verzweigte 70 Zentimeter hohe Grazie blüht von Juni-Oktober.
Gaura  lindheimeri 'Whirling Butterflies'
Gaura lindheimeri 'Whirling Butterflies'
Coreopsis  rosea  'Creme Brulee ®'
Coreopsis rosea 'Creme Brulee ®'
Rudbeckia  fulgida var. deamii
Rudbeckia fulgida var. deamii
Und dann fällt mir noch Mädchenauge ‚Creme Brulee’ (Corepsis x rosea) ein. Mit ihrem nadelförmigen Laub wirkt die cremegelbe Dauerblüherin von üppigem Wuchs grazil und doch farbgewaltig. Mädchenaugen vertragen keine Staunässe. Man wählt daher durchlässige Böden in voller Sonne. Wird in der Saison zwei bis dreimal nachgedüngt, Verblühtes ausgeknipst und die Pflanze Anfang Oktober um zwei Drittel zurück geschnitten, strotzt die unkomplizierte Staude nur so vor Kraft und Blütenüberschwang. „Wie steht’s jetzt, was wollen Sie nun hier im Laden“, fragt die Verkäuferin Karl Valentin gegen Ende des Stücks. Der entdeckt schließlich Kataloge auf dem Ladentisch, nimmt einen und fragt: „Sie, was kostet denn so ein Katalog?“ „Der kostet nichts!“ „Wie, der kostet nichts?“ „Nein! Den bekommen Sie gratis, umsonst!“

Einen Pflanzplan, der in allen Ecken und Enden Langspielplatten aufgelegt hat, finden Sie hier übrigens auch kostenlos. Ach, nun wollen Sie noch wissen, mit welchen „Titeln“ der Garteneinsteiger glücklich geworden ist?! Er war bei weitem nicht so wählerisch wie Karl Valentin, und gut beraten mit legendärem Sonnenhut (Rudbeckia fulgida var. deamii), der Vinylschallplatte unter den Stauden, sowie dem ständig von Bienen umsummten Ohrwurm Bergminze (Calamintha nepata ssp. nepeta). Vermutlich stöbert er schon wieder im Katalog. Diesmal auf der Suche nach CD’s – „compact Dauerblühern“ für perfekten Zusammenklang.
Beachten Sie zu dieser Kolumne auch das Pflanzkonzept Überholung eines in die Jahre gekommen Reihenhausgartens.
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