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Gartenkolumne: Es grünt so grün

Arum italicum 'Pictum' (Marmoratum)
Arum italicum 'Pictum' (Marmoratum)
Bei der Gartenführung setzen am grünen Beet mal wieder die grauen Zellen aus. Wie heißt der Schlangenbart noch mal botanisch? Ophi...Opho...Ophio... - zu Schillers Zeiten wäre das kein Problem gewesen: Da stand die Farbe Grün für Sinnlichkeit und Gedächtnis! „Ophiopogon“ – na bitte! Hier sehen Sie die grüne Variante Ophiopogon japonicus ‚Kyoto Dwarf’, selten zu bekommen, mit ihren zehn Zentimeter Wuchshöhe als sehr dichter Rasenersatz zu verwenden, grasgrün. Grasgrün, das ist eine Farbbezeichnung mit der man etwas anfangen kann. Oder nicht?

Haben Sie sich Gräser schon einmal ganz bewusst angesehen? Ich war kürzlich auf der Schwäbischen Alb. Da hatte der noch heuartige Schimmer der Kalkmagerrasen gar nichts gemein mit der Stickstoffvöllerei frisch berstender Kulturwiesen. Die saftigen Grasbüschel an einem munter dahinplätschernden Brunnenkressenbächle trugen ein ganz anderes Grün als die vom Winter gezeichneten Blatthorste der Wald-Segge (Carex sylvatica).
Bergenia purpurascens 'Wintermärchen'
Bergenia purpurascens 'Wintermärchen'
Ein farbentüchtiger Mensch kann Hunderttausend bis eine Million Farbnuancen unterscheiden. Mit dem Benennen tut er sich sehr viel schwerer. Wir können dem Grün Eigenschaftswörter anhängen: Farne haben oftmals ein helles Grün im Austrieb und ein stumpfes Grün im Verlauf der Saison. Wir bezeichnen es nach einem Mineral wie dem Türkis, das diese Farbe trägt. Funkie ‚Halcyon’ (Hosta x tardiana), eine der wenigen schneckenresistenten Sorten, ist solch ein Farbträger, der die Grünpalette zum bläulichen Spektrum hin erweitert. Wir ergänzen durch Beispielworte wie Spinatgrün, wenn wir Aronstabblätter (Arum italicum 'Pictum' (Marmoratum)) näher beschreiben wollen. Der Vergleich passt besonders gut, weil die Konsistenz des einheimischen Giftgewächses mit dem saftigen Gemüse übereinstimmt.

Die Wirkung einer Farbe hängt eben entscheidend vom Material ab. Manchmal nehmen wir die dingliche Herkunft zu Hilfe: Der Schattenfavorit Iris foetidissima beispielsweise trägt ein „Tarnanzug-Grün“. Ganzjährig hält die Immergrüne sich in Stellung und feuert ihre dekorativste Garbe im Spätherbst ab, wenn die dicken Samenschoten aufbrechen und leuchtend rote Samenkügelchen zur Schau tragen. Ja, auch im Garten kann man sich nicht immer nur pazifistischer Termini bedienen – gerade jetzt, wo es wieder heißt „die Bäume schlagen aus“.
Adiantum pedatum
Adiantum pedatum
Der Frühling ist die Zeit der vielen Grüntöne. Mit Spannung erwarten wir den frischen Maiaustrieb. Der Aufbruch neu beginnenden Lebens mag ein Grund für die Faszination von „Aurea“-Formen sein. Dieser Gelbschimmer eines Goldhopfens (Humulus lupulus ‚Aureus’), das Lindgrün eines Flattergrases (Milium efusum ‚Aureum’), der Einschluss von Licht in panaschierten Funkienblättern (Hosta) - das ist „Balsam für die Seele“. Selbiges nämlich haben Forscher über die Farbe Grün herausgefunden. Da sind sich australische Wissenschaftler und schwedische Naturmediziner einig: Grün macht froh und gesund.

Da liegt es doch auf der Hand, sich mal ein Beet in Grünschattierungen anzulegen. Immer wenn Sie gestresst von der Arbeit kommen oder Abstand vom Alltagstrubel gewinnen wollen, machen Sie im eigenen Garten einen Ausflug ins Grüne. Grundsätzlich gilt als Gestaltungsgrundlage: Grün sind sich alle, die auch vom Lebensbereich her zueinander passen. Für halbschattige Lagen lassen sich besonders elegante Kombinationen finden. Hier sind natürlich nicht immer alle nur grün. Von April bis Mai befinden sich die wegen ihrer Spielarten von Blattgrün beliebten Lungenkräuter im Blüteneinsatz. Die Sorte ‚Lewis Palmer’ beispielsweise hat die marineblaue Blütenuniform angelegt. Ihr Blütenzepter gibt sie wenig später an Bergenie ‚Wintermärchen’ (Bergenia) ab.
Pulmonaria saccharata 'Lewis Palmer'
Pulmonaria saccharata 'Lewis Palmer'
Und wenn die Robuste, ebenfalls wegen ihres ganzjährigen Blattschmucks gefeiert, ihre Reden schwingt, klingt das etwas so: „Grün ist nicht nur die Farbe der lebendigen Gegenwart, sie ist Symbolfarbe für Hoffnung und künftige Erfüllung.“ Kunstsinniger drückt es der feingliedrige Lerchensporn (Corydalis lutea) frei nach Kandinsky aus. „Absolutes Grün“ – und damit meint er natürlich sein Blattkleid – „absolutes Grün ist die reinste Farbe, die es gibt: sie bewegt sich nirgendwo hin...“ – dabei samt gerade er besonders gerne selbst aus und sucht sich seine bevorzugten Plätze zwischen Mauerritzen und Plattenfugen, was man ihm auch getrost zugestehen sollte, es sieht wunderbar natürlich aus. „Ständige Abwesenheit der Bewegung ist eine Eigenschaft, die auf ermüdete Menschen und Seelen wohltuend wirkt.“ Den letzten Satz seiner Rezitation des abstrakten Malers über die grüne Farbe verschweigt der unermüdlich gelb blühende kleine Wicht wohlweißlich. Nach einiger Zeit des Ausruhens könne absolutes Grün leicht langweilig werden.
Hosta x fortunei 'Gold Standard'
Hosta x fortunei 'Gold Standard'
Deshalb achtet man bei einer Pflanzung aus Grüntönen auf eine ausgewogene Mischung der Grünpalette. Bauen Sie immer mal wieder ein Leuchtfeuer ein. Funkie ‚Gold Standard’ (Hosta fortunei) macht es mit ihren von einem dunklen Rand umzogenen gelbgrünen Blättern vor. Und, was vielleicht noch wichtiger ist, verwenden Sie in monochromen Beeten unterschiedliche Texturen. Neben dem fiedrigen Laub eines filigranen Pfauenradfarns (Adiantum pedatum) beispielsweise bedarf es einer Ruhefläche glänzender Günselblätter (Ajuga reptans). Die Haarsträhnen eines niedrigen Grases oder Schlangenbarts (Ophiopogon) kontrastieren vorzüglich zum gerüschten Blattkleid kunstvoller Purpurglöckchen (Heuchera).

Letztere sollte man übrigens nicht mit Nährsalzen oder schnell wirkenden Kunstdüngern „dopen“. Schicken Sie die Sonne wie Schatten verträglichen Bodendecker besser mit etwas Kompost oder wenig Langzeitdünger ins Rennen. Im grünen Beet wird die neue Sorte ‚Winter Red’ (Heuchera x brizoides) den Sieg davontragen, wenn sie ihre hellgrünen Blätter im Winter teilweise rot färbt. Auch viele Bergeniensorten zeigen gegen Ende des Jahres, dass sie nicht mehr „grün hinter den Ohren sind“. Erst mit dem Neuaustrieb stimmen sie wieder in das Credo des Mittelalters ein: Nicht Rot, sondern Grün ist die Farbe der Liebe!

Ja, Grün ist eine geradezu paradiesische Farbe. Und das beste: In unserem Paradies droht keine Vertreibung, denn es gibt ja keine Schlange, nur Schlangenbärte. Sie wissen schon „Ophiopogon“ – den gibt’s übrigens auch in Schwarz. Aber das ist eine andere Farbgeschichte.
Beachten Sie zu dieser Kolumne auch das Pflanzkonzept Es grünt so grün.
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