Primula elatior
Die Schlüsselblumen haben sich zu Wort gemeldet, sie seien in der letzten Kolumne zu kurz gekommen. Man könne sich da auf einen berühmten Fürsprecher berufen, der in diesem Jahr seinen 200. Geburtstag feiere: Charles Darwin! Kaum eine andere botanische Entdeckung hätte dem Begründer der modernen Evolutiontheorie so viel Freude gemacht wie die Heterostylie der Schlüsselblume.
So könnte es mit der ersten Begegnung von Verschiedengriffligkeit gewesen sein: Charles Darwin schlendert durch seinen Garten in Down House in einem kleinen Ort südlich von London. Es ist Frühling. Die Schlüsselblumen blühen. Seit er ein kleiner Junge war und unablässig durch die Natur streifte, hat er seine Beobachtungsgabe geschult. Da entdeckt er wie ein Schmetterling seinen Rüssel in eine Schlüsselblumenblüte mit langem Griffel, oben liegender Narbe und unten liegendem Staubbeutel voll kleiner Pollen taucht. Er gaukelt zur nächsten Blüte. Darwin springt hinterher. Bei dieser Blüte ist der Griffel nur halb so lang wie die Blütenröhre. Alles ist genau umgekehrt. Die Pollen von eben gelangen auf die Narbe. Die Fremdbestäubung gelingt perfekt.
Primula vulgaris
In seinen letzten 16 Lebensjahren sollte der Naturforscher, der als erster beschrieb, wie die Fliegen-Ragwurz-Orchidee in ihrem Blütenäußeren Grabwespenweibchen imitiert, um bestäubende Männchen anzulocken, sich in umfangreichen Bestäubungsexperimenten davon überzeugen, dass Fremdbestäubung in den meisten Fällen zu stärkeren Nachkommen als Selbstbestäubung führt.
Charles Darwin ist einer, der die Tiefen der Materie durchdringen will. Als 72jähriger publiziert er „Die Bildung der Ackererde durch die Tätigkeit der Würmer“ und räumt mit der damaligen Irrmeinung auf, Regenwürmer seien schädlich für den Pflanzenanbau. Um die zentrale Rolle der Würmchen in der Boden- und Humusbildung zu beweisen, hat er 30 Jahre lang Freilandversuche durchgeführt – eine Zeitspanne, die Schlüsselblumen brauchen, um aus ein paar Exemplaren einen Blütenteppich zu weben, wie ich ihn auf einer Obstbaumwiese eines Bauernhofs in der Nähe von Darwins Geburtsort Shrewsbury einmal sah. Um solche „Primavera-Gemälde“ zu bewundern, muss man aber nicht über den Kanal fahren.
Primula veris
Unter den Bäumen des Botanischen Gartens in München beispielsweise erobern Waldschlüsselblumen (Primula elatior) und Kissenprimeln (Primula vulgaris) in manchen Jahren schon ab März das Wiesenterrain und die Herzen der Besucher. Bei den Bayern findet sich auch eine der schönsten Sagen zum Himmelschlüssel, wie sie E.M. Zimmerer in seinem „Kräutersegen“ 1896 in Donauwörth aufgeschrieben hat. Dazu muss man wissen, dass die an Hohlschlüssel, wie man sie bei mechanischen Uhren zum Aufziehen verwendet, erinnernden Blumenkronröhren den Schlüsselblumen ihren Namen gaben: „Als der heilige Petrus, der ja bekanntlich die Schlüssel zum Himmelreiche hat und die Thüre desselben aufschließt, hörte, dass man sich falsche, sogenannte Nachschlüssel gemacht hatte, um durch allerlei Hinterpförtchen in den Himmel zu kommen und sich so in die ewige Seligkeit einzuschmuggeln, da ließ er vor Schreck den ganzen Schlüsselbund fallen, der von Stern zu Stern immer tiefer hinab zur Erde sank. Wohl sandte er ihm sogleich einen Engel nach, dass er ihn aufhebe und zu ihm zurückbringe, allein die Schlüssel hatten schon den Erdboden berührt und sich ihm eingedrückt. Sogleich entsprang der Stelle eine goldene Blume, welche die Gestalt der Himmelschlüssel hat. Da sie uns diesen jedoch nicht zu öffnen vermag, so erschließt sie seither wenigstens dem ganzen großen, duftenden und geflügelten Heere des Frühlings alljährlich die Thore.“
Primula vulgaris 'Francisca'
Ich kann mich gut daran erinnern, wie ich als Kind auf der Wiese vor den Echten Himmelschlüsseln (Primula veris) niederkniete, ihre hübschen orangefarbenen Schlundflecken in den dottergelben Blütenrädern bewunderte und die Nase hineinsteckte, um den honigsüßen Geruch tief im limbischen System abzuspeichern. Es hat funktioniert. Noch heute ist mir ihr Duft beim bloßen Drandenken präsent. Ein ganz anderes Bild aus Kindheitstagen kommt mir bei den Kissenprimeln (Primula vulgaris) in den Kopf. Sie bevölkerten eine extensiv gepflegte Rasenfläche unseres Feriendomizils im Tessin. Nirgendwo leuchteten die Ostereiernester verführerischer als zwischen den sonnenfarbenen Kissen der pünktlich zum Osterfest blühenden Schlüsselblumen.
Begehrter als die in buntes Staniolpapier gewickelten Eier aber war der weiß-braun gefleckte Osterhase aus Schokolade. Gefunden habe ich ihn immer, nur essen konnte ich ihn nie. Einmal war es die Sonne, die ihn dahinschmelzen ließ, ein anderes Mal der Nachbarhund. Lila teilte meine Schokoladenliebe. Wir sahen gerade noch, wie sie den teuren Confiserie-Hasen maulschleckend verzehrte. Sie hatte den süßen Meister Lampe 50 Meter weiter verschleppt – ein Schicksal, dass Kissenprimeln allzu gerne teilen. Zum Zwecke des Entführtwerdens haben sie sich ein „Elaioson“ zugelegt. Das im Volksmund als Ameisenbrot bezeichnete kleine Anhängsel an ihren Samenkörnern lockt Ameisen in gleicher Weise an wie unser Schokohase den Berner Sennenhund. Resultat: Das Samenkorn wird verbreitet, die Nachkommenschaft erobert neues Terrain.
Primula vulgaris 'Dawn Ansell'
Vielleicht noch mehr als die botanische Raffinesse des „Primus“ – der lateinische Name Primula leitet sich von der Verkleinerungsform „der Erste“ ab – begeistert mich bis heute die oft über den ganzen Winter grün bleibende Blattrosette mit den tiefen Furchen. Auch das hat, wie alles in der Natur, seinen Sinn: Als „kleine Erstlinge“ im Jahr sind Primeln auf Stärke und andere Baustoffe angewiesen, die im Wurzelstock für die neue Saison gespeichert werden. Mittels ihrer großen grünen Blätter können sie bei den ersten Sonnenstrahlen ihre Tätigkeit der Photosynthese und Assimilation aufnehmen und so die nötigen Stoffe erzeugen. Das notwendige Wasser leiten sie aus Niederschlag in Form von Schneeschmelze, Tau oder Regen durch die tiefen Rinnen ihrer kreppartigen Blätter dem zentral liegenden Wurzelstock zu.
Zuviel Biologie? Darwin hätte seine Freude gehabt. War es doch seine These, dass sich die Arten ökologisch bestmöglich anpassten und entsprechend den Gegebenheiten modifizierten. In einer Zeit als die Lehre der Katastrophisten galt, denen zufolge die Arten individuell und unveränderbar erschaffen waren, ging er von einer Wechselwirkung zwischen allen „organischen Gebilden“ aus. Wie kommen Himmelschlüssel und Menschen, „mit welchen es in Concurrenz um Nahrung oder Wohnung kommt, oder vor welchen es zu fliehen hat, oder von welchen es lebt“ miteinander aus? Auf gedüngten Wiesen sind sie verschwunden. In Wäldern wurden sie durch Vernichtung des Ökosystems Auwald zurückgedrängt. Kein Wunder, dass man die unter Schutz gestellten heimischen Primeln nicht mehr aus der Natur entnehmen darf.
Primula vulgaris 'Sue Jervis'
Umso wichtiger ist es, schwefelgelbe Waldschlüsselblume (Primula elatior) an frischen bis feuchten Standorten im Hecken und Gehölzsaumbereich, goldgelbe Echte Schlüsselblume (Primula veris) in voller Sonne in wiesenartigen Situationen und Bauerngärten, sowie Kissenprimeln (Primula vulgaris) in allen zuvor genannten Standorten und als lockere Randeinfassung von Beeten, im Garten anzusiedeln.
In gärtnerischer Kultur findet man aber noch viel mehr. Durch ihren Hang zur Bastardierung entstehen unter Primeln die tollsten Zufallssämlinge. Bei den wertvollen, gefüllten Sorten der Kissenprimel (Primula x vulgaris) aus England beispielsweise haben die Gärtner selbst Evolution gespielt. Ein besonders Aufsehen erregendes Exemplar, der im Labor vermehrten Geschöpfe, ist ‚Francisca’ mit gerüschten Blütenblättern, die vom gelben Zentrum nach außen in ein neongrün übergehen. Heutzutage muss man gar nicht mehr wie Darwin auf eine fünfjährige Weltreise gehen, um Erstaunliches zu sehen. Gegen seine Seekrankheit hätten dem damals 22jährigen auf der „Beagle“ Echte Schlüsselblumen vielleicht nicht geholfen. Bei seiner Rückkehr aber hätte er es mit ihrer Heilwirkung gegen seine Krankheitssymptome wie Magenschmerzen versuchen können. In der Volksmedizin wird Primula veris vor allem bei Husten und Kopfschmerzen eingesetzt. Viel lustiger als Teesud gegen Schlaflosigkeit und Schlüsselblumenwein als Beruhigungsmittel sind die frisch geernteten, Vitamin C-haltigen Blüten als essbare Verzierung von Salat und Dessert. Selbst wenn man alle grünen Pflanzenteile entfernt, schmecken sie nicht wirklich gut, sehen aber reizend aus.
Primula vulgaris 'Sunshine Susie'
Einmal wollte ich in meinem Waldgärtchen ein paar Kissen-, Wald- und Wiesenschlüsselblumenblüten für ein Frühlings-Kaffeekränzchen ernten. Das Amsel-Männchen war mir zuvor gekommen. Nur unterschied sich seine Motivation von meiner: Das an den Schnabel potentieller Rivalen erinnernde Gelb der Schlüsselblumen musste ihn so gereizt haben, dass er gut ein Drittel der himmlischen Schlüssel zu Boden geschmettert hatte. Na, Herr Darwin, was sagen sie dazu?