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Gartenkolumne: Gestatten, Frühlingsjecken

Galanthus nivalis
Galanthus nivalis
Schneeglöckchen (Galanthus nivalis) haben den Karneval der Frühlingsblumen eingeläutet. Schauen Sie mal in den Pflanzplan zum bunten Treiben in einem halbschattigen Beet von sieben mal sieben Meter. Mit Winterlingen (Eranthis hyemalis), die in ihren lustigen Harlequinkostümen Goldköpfchen über einer frischgrünen Halskrause zur Schau tragen, haben sie sich unter die Bergenien (Bergenia cordifolia) gemischt. Deren strotzend ledrige Blätter, die bei Sorten wie ‚Rote Schwester’, ‚Eroica’, ‚Abendglocken’ oder ‚Winterglut’ über die frostige Zeit ihre rote Herbstfärbung behalten, strahlen Exotik à la Karneval von Rio aus. Sambarhythmus ist dagegen nicht das Ding von Schleifenblume (Iberis sempervirens) – auch wenn sie gerne über den Rand tanzt und so Ecken kaschiert. Als Immergrüne an der Beetkante soll sie beruhigen.

Etwa zwei Drittel der Fläche nehmen wintergrüne Stauden ein. Das verleiht ganzjährig Struktur. Es gibt immer etwas zu sehen. Man kann sich das wie die festgelegte Aufstellung in einem Karnevalszug vorstellen. Würden die kostümierten Darsteller alle auf einen Pulk erscheinen, wäre das Chaos perfekt und zu Gesicht bekämen die Zuschauer auch nicht viel. So aber erscheint im Vorfrühling das Blasorchester der Narzissen (Narcissus) gefolgt vom Zugteil Himmelsleiter (Polemonium) oder Akelei (Aquilegia) im Mai. Krokus (Crocus chrysanthus) ‚Goldilocks’ schmeißt seine Kamellen – honiggelbe Blütenbonbons – aus dunkelgrünen, grasähnlichen Büscheln. Die Schöpfe der Lilientraube (Liriope muscari) trumpfen erst von August bis Oktober auf, wenn ihre Blütenkerzen mit aufgereihten Einzeltrauben, die an Zuckerkügelchen erinnern, erscheinen. Zwiebelblumen sind die Hauptdarsteller im Frühlingsumzug, Stauden ihre Festwagen. Sehen Sie wo die Strahlenanemone (Anemone blanda) ihre Blütenpuschel schwingt? Filigranfarn (Polystichum setiferum) hat den Beetteil aus dem sie sprießt mit seinem Blattstoff aus dem Vorjahr überzogen. Als Mister ‚Herrenhausen’ setzt sich die beliebte Sorte erst im Mai in Bewegung, wenn die neuen Farnwedel Rad schlagen.
Anemone blanda Blue Shades
Anemone blanda 'Blue Shades'
Omphalodes cappadocica Cherry Ingram
Omphalodes cappadocica 'Cherry Ingram'
Das ist das Geniale am Karneval der Frühlingsblumen: Was in den Hochburgen der Narretei am Aschermittwoch vorbei ist, fängt hier gerade erst an. Zum Rausch der Farben tragen ganz besonders Leberblümchen (Hepatica) bei. Nach der mittelalterlichen Signaturlehre sollte es aufgrund der leberartigen Form seiner Blätter Leberleiden heilen. Auf jeden Fall machen seine Blütensterne trunken, vielleicht sogar süchtig – wenn man an die Sammlerstücke von Hepatica denkt, die in Japan bis zu 20.000 Euro wert sind - und stillen doch die Sehnsucht nach Frühling. Geheilt vom Verlangen nach der Farbe Blau ist man allerdings noch lange nicht.
Pulmonaria saccharata Samurai
Pulmonaria saccharata 'Samurai'
„Je tiefer das Blau wird, desto mehr ruft es den Menschen in das Unendliche“, stellte der Maler Wassily Kandinsky fest. Tatsächlich geht von blauen Blumen eine Tiefenwirkung aus, die kleine Gärten optisch vergrößert. Ich finde, am schönsten lässt sich mit der Familie der Borretschgewächse „blau machen“. Der Ausdruck rührt übrigens aus einer Zeit, als die Färber am Montag frei hatten. Samstags wurde die Küpe angesetzt. Sonntags weichte man die Stoffe ein. Montags hing man sie auf, damit der Färberwaid sie an der Luft blau färbte. „Machten die Färber blau“, gab es nichts zu tun. Da geht es dem Gärtner ja wie der Färberzunft. Im Herbst hat er Zwiebelblumen gesteckt und plötzlich färbt sich sein Beet in Scilla-Blau und Muscari-Azur. Und eben in Indigo.

Da erblüht erst einmal Gedenkemein (Omphalodes). Mir hat es vor allem die Art cappadocica angetan. Sie bildet keine Ausläufer, im Gegensatz zum beliebten Bodendecker Omphalodes verna, den ich sehr schätze, wenn er sich mit der ebenso wuchsstarken Waldsteinie (Waldsteinia ternata) den Boxring teilt. Mit „einem“ blauen Auge kommt man bei Omphalodes cappadocica ‚Cherry Ingram’ nicht davon: Von April bis Juni schlägt das 15 Zentimeter hohe Blümchen unzählige Blütensternchen auf. Um einen Monat versetzt, präsentiert das Kaukasusvergissmeinnicht (Brunnera macrophylla) seine Blüten. Mein Favorit war lange Jahre die Sorte ‚Langtrees’ wegen ihres silbrig gepunkteten Herzblattes. Noch mehr Blattschmuckschminke hat ‚Jack Frost’ aufgelegt. Schicken Sie die aufhellende Sorte in die dunkelsten Ecken Ihres Gartens. Sie wird nach altem Fastnachtbrauch alles Dunkel austreiben.
Brunnera macrophylla Jack Frost ®
Brunnera macrophylla 'Jack Frost ®'
Echte Karnevalsjecken sind die dritten im Bunde der Borretschgewächse: die Lungenkräuter (Pulmonaria). Botaniker haben ihre liebe Not mit ihnen. Als Sittenwächter über Systematik und Bestimmungsschlüssel machen ihnen die Arten der Gattung Pulmonaria durch ihre leichte Kreuzbarkeit und damit erschwerte Reinhaltung der Arten einen Strich durch die Rechnung. Das ist auch der Grund dafür, dass die lange Zeit als Pulmonaria angustifolia gehandelten enzianblauen Farbwunder jetzt Pulmonaria dacica heißen. Chromosomen-Analysen bedingte Umbenennungen wären jetzt ein Thema für die Bütt. Hier soll es aber darum gehen, sich aus dem stetig wachsenden Sortiment das maßgeschneiderte Pulmonaria-Kostüm für den persönlichen Karnevalsumzug zu wählen.

Kurz ein Wort zur Pflege: Der Tipp Lungenkräuter nach der Blüte radikal zurückzunehmen, um Mehltaubefall der Blätter vorzubeugen, hält sich bisweilen hartnäckig, wie der Brauch an Weiberdonnerstag, schmucken Herren die Krawatte abzuschneiden. Versuchsreihen in Sichtungsgärten haben jedoch ergeben, dass Rückschnitt nur für starkwüchsige Sorten bei guter Wasser- und Nährstoffversorgung zu empfehlen ist. Die schwachwüchsige Pulmonaria longifolia, wie im Beetvorschlag, verträgt ihn beispielsweise gar nicht.
Pulmonaria saccharata Trevi Fountain ®
Pulmonaria saccharata 'Trevi Fountain ®'
Makelloser Blattschmuck und Aufsehen erregende Blütenfarbe sind selten gleichzeitig zu haben. Das ist so ähnlich wie die Wahl zwischen Rheinischem Fasching und Alemannischer Fastnacht. Ist Ihnen die Blütenfarbe das wichtigste, greift man auf besagte Dacica-Sorten zurück. Ihre Blätter verschwinden im Laufe der Saison bis zur Unkenntlichkeit. Legen Sie Wert auf attraktiven Blattschmuck, bieten die Arten officinalis, longifolia und viel versprechende Saccharata-Neuheiten wie ‚Rasperry Splash’, ‚Samurai’ oder ‚Trevi Fountain’ alles von gepunktet über versilbert bis zu weiß gerandet.
Pulmonaria saccharata Raspberry Splash
Pulmonaria saccharata 'Raspberry Splash'
Sollte man im Karneval der Frühlingsblumen ein Prinzenpaar wählen, hätten Waldschlüsselblume (Primula elatior) und enzianblaues Lungenkraut ‚Azurea’ (Pulmonaria dacica) gute Chancen. Auf dem Ostwaldschen Farbenkreis, benannt nach dem Farbtheoretiker und Nobelpreisträger für Chemie Wilhelm Ostwald (1853-1932), liegen sich Sulphurgelb und Ultramarinblau gegenüber. Die so genannten Komplementärfarben bilden den größtmöglichen Kontrast. Die Farben steigern sich in ihrer Wirkung. Jetzt fehlt ja nur noch „dat rote Funkemariechen“. Rot ist eine Farbe, die im Karneval der Frühlingsblumen selten auftritt. Das glänzende Laub mit den an Rüschenröcke erinnernden Rändern der Günselsorte ‚Black Scallop’ (Ajuga reptans) ist tief-dunkelrot. Primel ‚Dr. van Vlenthen’ (Primula x pruhoniciana) violettrot.
Aber warten Sie mal bis zum Herbst. Jede Wette, am 11.11. um 11 Uhr 11 schwingt der Aronstab (Arum italicum) seinen leuchtend roten Fruchtstand und der Karneval kann von neuem beginnen.

Beachten Sie zu dieser Kolumne auch das Pflanzkonzept Karneval der Frühlingsblumen.
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