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Gartenkolumne: Staude des Jahres: Katzenminze

Nepeta racemosa 'Superba'
Nepeta racemosa 'Superba'
Welche Pflanze würden Sie kaufen? Variante 1: „Weiße Blüten, rot gefleckt, in dichten Scheinquirlen, aromatisch duftend.“ Variante 2: „Munteres Pflänzchen; hoch an der Spitze spendet weithin die Blüte die angenehmsten Gerüche.“ Ich würde die zweite wählen. Es wäre aber egal. So oder so bekäme man die Echte Katzenminze (Nepeta cataria). Der einzige Unterschied bestünde darin, dass uns der mittelalterliche Abt der Reichenau Walafried Strabo mit seiner Beschreibung des Lippenblütlers bereits bildhaft auf eine Dauerblüherin für den Bauerngarten eingestimmt hätte.

Und dabei ist die als Tee- und Heilpflanze schon lange bekannte Katzenminze noch die Unattraktivste der Gattung. Für Katzenminzen gilt: Sie sind mehr als pflegeleichte Dauerblüher. Sie sind Stimmungsträger!
Nepeta nervosa 'Pink Cat'
Nepeta nervosa 'Pink Cat'
Dazu reisen wir vom Kloster auf der Bodenseeinsel etwa 200 Kilometer Luftlinie in nordöstlicher Richtung zum bayrischen Bischofssitz Freising. Im dortigen Staudensichtungsgarten Weihenstephan weben Katzenminzen der Faassenii-Gruppe von Juni bis September blaue Blütenwogen zwischen lindgrüne Wolfsmilch (Euphorbia segueriana), silbrig-blau schimmernde Blaurauten (Perovskia atriplicifolia) und provenzalische Lavendelbüsche (Lavandula angustifolia). Sie wissen ja, kühles Blau verleiht sonnigen Sommerbeeten eine angenehme Frische. Aber noch faszinierender ist vielleicht die Transparenz der Blattschmuckpflanzen aus deren grauen, wintergrünen Laubkuppeln sich filigrane Blütenrispen in unendlich erscheinender Fülle erheben. Wie Grassilhouetten fangen ihre duftigen Blüten das Licht ein. Besonders reizvoll erstrahlen sie daher von Tau bedeckt im Morgenlicht. Oder vom letzten Aufglühen des Tages angestrahlt.

Bis auf wenige weiße Sorten wie ‚Snowflake’ (Nepeta racemosa) und die wundervolle roséfarbene ‚Dawn to Dusk’ (N. grandiflora), spielen Katzenminzen mit ihrer violett bis hellblauen Farbpalette alle Nuancen der blauen Stunde durch. Eine Ausnahme bildet die gelbe Nepeta govaniana. Eines Tages war sie da in unserem Garten – herübergeschwappt als Star aus Amerika und gleich bestellt. Sie kam, sah und siegte. Und dann tat sie genau das, was ich im Mentalitätsseminar als Clichée des „american way of life“ gelernt hatte: Sie schließt sofort Freundschaft mit dir, aber in ihrer Art bleibt sie unverbindlich. Was im Klartext hieß: nach einer Saison war sie verschwunden. Den Sommer aber werden wir alle in Erinnerung behalten. Es war eine Show und wie heißt es so schön: „The show must go on“. Damit die Schau weitergehen kann, werde ich sie immer wieder einladen, die Katzenminze mit den kleinen gelben Lippenblüten und den aromatisch duftenden Blättern.
Nepeta faassenii 'Walkers Low'
Nepeta faassenii 'Walkers Low'
Doch zurück zu den Standorttreuen: Auch wenn Katzenminzen von morgens bis abends tiptop aussehen, haben sie in den Abendstunden ihren besonderen Reiz. Das kommt Feierabend-Gärtnern zupass. Berufstätige können jubeln: Vom Mauervorsprung grüßt ihnen die lilablaue, kompakte ‚Superba’ (Nepeta racemosa) entgegen. Aus dem sonnigen Staudenbeet winkt ein buschiges Dreiergespann von hellblauer Nepeta nervosa und der noch wenig bekannten Sortenschwestern ‚Pink Cat’ mit rosafarbenen Blüten und ‚Schneehäschen’, einem schneeweißen Zufallssämling aus dem Hause Stade, herüber. Am Terrassensitzplatz hat der helllavendelblaue ‚Senior’ mit dem silbriggrauen Blatt am Rand des Rosenbeets auf den Heimkehrer gewartet. Jetzt darf sich der Gartenfreund an den bis spät abends leuchtenden Blautönen erfreuen. Nur welche Sorte soll es sein?

Vom süddeutschen Weihenstephan bis zum holländischen Boskoop haben Sichtungsstandorte das Nepeta-Sortiment auf seine Gartentauglichkeit getestet. Die Gewinner in der Faassenii-Gruppe sind zwei alte Bekannte und ein „Newcomer“. Als vital, reichblütig und standfest kennen wir ‚Walker’s Low“ seit 30 Jahren. Nun erhielt der von allen Katzenminzen am tiefsten violettblau blühende Beeteinfasser und bis 80 cm hohe Held an der Seite von Strauchrosen auch offiziell die höchste Punktzahl. Dicht auf den Fersen folgt ihm ‚Six Hills Giant’. Seine lavendelblauen Blütenrispen tänzeln von Bartiris bis Fackellilie liebevoll um alles prachtstaudig Strammstehende. Ihm eifert die noch weniger bekannte Sorte ‚Dropmore’ nach. Mit 35 Zentimeter bleibt die ebenso hohe, wie breite, Violettblaue kompakter und beginnt bereits im Mai mit der Dauerblüte.
Nepeta grandiflora 'Blue Danube'
Nepeta grandiflora 'Blue Danube'
Füllige Blüte und verbessertes Aussehen in der zweiten Jahreshälfte erreicht man übrigens am besten durch radikalen Rückschnitt nach dem ersten Blütenrausch. Schlaufüchse machen aus der Not eine Tugend und schneiden vor dem Sommerurlaub. Kehren sie aus südlichen Gefilden zurück, wogt das Meeresblau aus neugetriebenen Katzenminzen. In den eigenen vier Gartenwänden schimmert sogar die Donau mit der Grandiflora-Sorte ‚Blue Danube’ wieder tiefblau. Auch sie ist als vitale Staude mit sehr guter Schmuckwirkung ausgezeichnet worden. Für ihren Beetvorschlag (siehe Nepetabeet) hat sich die Gartengestalterin Hella Kreiselmeyer für die gleichwertige ‚Zinser’s Giant’ entschieden. Manchen Gärtner ist sie vielleicht als Nepeta mussinii ‚Superba’ bekannt. Jetzt ist der mit 30 cm Breite und 70 Zentimeter in der Höhe eher bescheidene „Riese“ also eine Nepeta grandiflora - wie der „große Bruder“ ‚Bramdean’. Der erhielt für sein „urwüchsiges“ Erscheinungsbild ebenfalls drei Sterne. In seinen Adern fließt das Blut echter Kerle. Jedenfalls sind es die rötlich hervortretenden Stiele und Nerven, die den „James Dean“ unter den Katzenminzen so attraktiv machen. Mit seinen bis über einen Meter hohen lilablauen Blütenrispen baut er sich im Hintergrund des Beetes auf. Rechts uns links davon schwenken ein Meter zwanzig hohe Sonnenhüte ihre Sombreros mit gelber Hutkrempe und schwarzem Kegel. Auf ‚Sundance’ (Rudbeckia grandiflora) haben Staudengärtner gewartet. Musste man sich bisher die Hochsommersaison mit der einjährigen Rudbeckia triloba verschönern, haben wir mit der eleganten Mehrjährigen eine echte Alternative. Muchas gracias!

Gelb-Orange und die bis ins Violett spielende Blaupalette der Katzenminzen, von grauem Laub edel versilbert, sind das Farbthema der zehn Meter langen Rabatte. In dieser Kombination sind Katzenminzen nicht nur Staude des Jahres, sondern „Trendsetter“, was die Farben der Saison betrifft. Um eine „Entwicklung anzustoßen und sie in Gang zu setzen“ (um den gängigen Anglizismus „Trendsetter“ einmal annähernd zu übersetzen) bedarf es noch mehr. So spielt das Beet mit dem Kontrast der Form. Die flirrenden Rispen der Katzenminzen bilden einen Gegenpol zu den architektonischen Kugeln des Zierlauchs. Katzenminzen lockern alles formal Erstarrte wie Statuen, Steinerne Architektur und formale Wasserbecken auf. „Ich habe sie ins Kiesbeet gesetzt“, erzählt eine Hobbygärtnerin begeistert. „Bei mir wächst sie im Steingarten“, sagt eine Andere, „ich habe Katzenminzen nämlich mal wild am Naturstandort im steinigen Boden des Kaukasus gesehen.“ „Ach, die Berge!“ beginnt die nächste zu schwärmen. „Also, mich zieht’s immer ans Meer“, sinniert ihr Gegenüber und schon ist die Runde gespalten in die sonnenhungrigen Südurlauber und die Skandinavienreisenden, die sich lieber in feuchten Waldgebieten herumtreiben. Da sind wir wie die Katzenminzen. Die einen wollen volle Sonne und karge, durchlässige Böden. Das sind die Graulaubigen. Die anderen lieben einen feucht-frischen Standort und zeigen sich, auch wenn sie sonnig stehen können erstaunlich schattenverträglich. Das sind die Grünlaubigen. Nepeta clarkei aus den Flusstälern des Himalaya ist so eine. Als „Luftblume“ hat sie an der Fachhochschule Osnabrück bereits Karriere gemacht. Dort nämlich wird sie angehenden Landschaftsarchitekten und Landespflegern als Staude angepriesen, die in einer Pflanzung „über den Dingen schwebt“. Tatsächlich scheinen ihre vom Wind hin- und hergeschaukelten reinblauen Blüten zu fliegen. In Wahrheit ist sie aber, wie alle Katzenminzen in Blüte, der Fluglandeplatz für nektarsuchende Insekten aller Art. Der Effekt sich tummelnder Hummeln und summender Bienen verstärkt das Gefühl eines „über den Staudenwolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“. Solche „Luftblumen“ sollte man daher in kleineren Gruppen oder als Einzelpflanzen zwischen niedrigen Stauden in größeren Gruppen einplanen. Etwas Bodenständiger geht es bei den ebenfalls grünlaubigen Japan-Katzenminzen (Nepeta subsessilis) und die aus den Wiesen Sibiriens stammenden Nepeta sibirica zu. Ihnen reservieren wir im Garten die halbschattigen Plätze zwischen Funkien und Kaukasusvergißmeinicht, Waldphlox und Taglilien.
Nepeta clarkei
Nepeta clarkei
Man kann sich die Standortansprüche der nach der etrurischen Stadt Nepeta in der heutigen Toskana benannte Gattung aber auch so merken: Die, die so grau sind, wie das Fell einer Tigerkatze, räkeln sich gleich Kater Mikesch mit Vorliebe in der Sonne. Umgekehrt legen sich Katzen allzu gerne in die Polster ihrer blumigen Namensvettern. Der Grund sind ätherische Öle, die dem Kontaktdufter bei Berührung entströmen. Insbesondere der Inhaltsstoff Nepetalacton wirkt für die Vierbeiner wie ein Aphrodisiakum. Doch nicht alle Stubentiger berauschen sich daran. Eine, wenngleich nicht repräsentative, Umfrage unter meinen Gärtnerfreunden, hat erstaunliche Ergebnisse gebracht. Jeder dritte stimmte mit Christian Grunert überein, der in seinem Standardwerk „Gartenblumen“ schon vor über 50 Jahren schrieb: „Unsere pelzerne Puppe geht ungerührt daran vorüber.“ In unserem Garten handeln die ums Haus schleichenden, zum Teil verwilderten Miezies dagegen nach dem Motto: „Katzen würden Katzenminzen pflanzen!“ Wahre Katzenfreunde tun das auch für ihre Zöglinge. Besonders beliebt bei Katzen sind die Sorten der Faassenii- und Grandiflora-Gruppe. Die Sorte ‚Odeur Citron’ (Nepeta cataria) soll eine der wenigen sein, die garantiert keine Katzen anzieht. Damit wären wir wieder bei der Echten Katzenminze des Walahfried von Strabo gelandet. Wie im Anfang so im Ende und alle Zeit: Ein Hoch auf die Staude des Jahres!
Beachten Sie dazu den Pflanzplan Katzenminzen Beet von Hella Kreiselmeyer.
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