Helleborus niger 'Praecox'
Manche Stauden laufen außer Konkurrenz. Entweder weil sie aufgrund ihrer herausragenden Eigenschaften sowieso immer den Sieg davon tragen würden, oder weil es keine Mitstreiter gibt. Beides trifft auf die Christrose zu. „Wenn an trüben Tagen der Nebel im Innern der Büsche hocken bleibt“, wie Christian Grunert in seinen „Pflanzenportraits“ (1954) beschreibt, „wenn der Himmel voller Schnee hängt“ – und sich kein Hundszahn vor die Türe wagt, wie man ergänzen möchte – „da tauchen im Schatten ihrer Blätter auf fast handhohen, dicken, fleischigen Stielen die weißen Sterne der Christrose auf“. Im tiefsten Winter, wo sich jeder andere kalte Füße holt, steht sie da, als gäbe es nichts selbstverständlicheres als eine Winterrose.
„Ein wundersamer Anblick“, wie Grunert bemerkt, „ein ergreifender Kontrast, den man nicht oft genug bestaunen kann!“ Nicht einmal ein „Hatschi“ entkommt der Nieswurz, deren Wurzelstock zu Pulver zerrieben als schleimhautreizend gilt und bis weit ins vorige Jahrhundert den Grundstoff für Schneebergers Schnupftabak lieferte. Damals versicherte man sich, kräftiges Niesen schaffe einen klaren Kopf. Den braucht man, wenn es um die Planung eines geeigneten Standorts für die Schöne im Garten geht.
Helleborus orientalis 'Red Lady'
Karl Foerster, der berühmte Staudengärtner und Gartenphilosoph, hat immer wieder darauf hingewiesen, die Pflanzen an ihrem Naturstandort zu erkunden: „In den Alpen kommt die Schneerose montan bis 1800 Meter hoch an frischen Humuswaldrändern vor.“ Mir schwebt ein Bild von Christrosen übersäten Hängen am Monte San Salvatore in den Tessiner Bergen vor. Zum Greifen nah zogen die porzellanweißen Blüten fünf engelsflügelgleicher Kelchblätter an unseren staunenden Augen vorbei, während die Zahnradbahn die Talfahrt antrat. Die Hänge entlang der Fahrrinne wurden stets baumfrei gehalten, so dass die Christrose hier im Bund mit Leberblümchen, Alpenveilchen und Schneeheide sozusagen freie Bahn hatte.
Bergauf hatten wir der „Funicolare“ natürlich den Fußmarsch vorgezogen. Allein schon wegen der Perspektive. So kann man der Christrose von unten kommend ins edle Antlitz mit den golden Staubblättern, die sich wie Sommersprossen um den lindgrünen Gesichtsmittelpunkt sprenkeln, schauen.
Bei allem Stolz hat die Christrose doch eine Tendenz zum Nickköpfchen. Das mag damit zusammenhängen, dass sie sich bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt gen Boden duckt, um sich vor Kälte zu schützen. Die ebenfalls attraktiven fächerartigen Lederblätter presst indess der Schnee an den Boden. Doch selbst wenn die Blumen hochgestemmt werden, wie Grunert schelmhaft meint „vielleicht gar von Schneewittchens Sieben Zwergen“, bringen sie es auf maximal 30 Zentimeter Wuchshöhe. Ein Körpermaß das es empfehlenswert macht, die märchenhaften Blumen etwas erhöht zu pflanzen.
In einem Eifeler Garten sah ich sie auf Buntsandsteinmauern prangen. Das prächtige Gedeihen auf dem lokalen sauren Gestein straft alles Gejammer um die Kapriziosität der holden Schönen Lügen. Sie ist nicht kompliziert. Wohl mag es ihr auf Kalkstein gefallen. Aber der Boden scheint nicht das ausschlaggebende zu sein, so lange er nur immer frisch und feucht bleibt. Ein gutes Beispiel für den idealen Christrosenplatz zeigt der Jahrzehnte alte Bestand im Alpinum des Botanischen Gartens in München. Da kriechen die „Schneebleaml“ aus allen Kalksteinlöchern. Solange der Standort garantieren kann, dass der Wurzelbereich im Sommer nicht austrocknet, genießt die Christrose den Platz an der Sonne. Sie macht sich’s aber auch an halbschattigen Plätzen am Gehölzrand bequem. Von ihrem Charakter her passt sie vorzüglich zu Hirschzungenfarn (Phyllitis scolopendrium): Er, der ritterliche Typ mit glänzend grünem Blattschild; sie, die unschuldig Mythenumwobene, der man nachsagt, sie habe am Stall zu Bethlehem geblüht, als das Jesuskind in der Krippe lag. Das muss eine ‚Praecox’ gewesen sein. Denn wie der Name Vorläuferschneerose schon sagt, blüht die Sorte sicher zur Weihnachtszeit.
Helleborus torquatus
Helleborus x ericsmithii
„Helleborus niger sind wahrscheinlich die bekanntesten ihrer Gattung, möglicherweise die beliebtesten“, meint der englische Christrosen-Spezialist Will Mc Lewin, „und bleibt doch die geheimnisvollste.“ Dabei bezieht er sich nicht zu letzt auf die Variationsfähigkeit ihrer Verfärbung im Verblühen. Je nach Standort wandeln sich ihre Blüten von Reinweiß zu rotstichigem Pink, pastellisieren sich von Crème zu Rosé, schmücken sich mit Streifen der erwähnten Farbpaletten, werden gelb oder mit zunehmendem Alter wieder grün hinter den Ohren. Winzer werteten eine rot verblühende Christrose einst als sicheres Orakel einer ertragreichen Ernte. Dieselbe Winzerweisheit besagt: Je reicher die Christrose blüht, desto besser wird der nächste Herbst. Testen Sie es mal!
Helleborus orientalis 'White Spotted'
Nur was die Zeitspanne vom Pflanzen bis zum bewundernswerten Blütenbusch betrifft, muss ich Ihnen reinen Wein einschenken: Christrosen wachsen langsam. Schon vom Sämling zur blühwilligen Staude vergehen vier bis fünf Jahre. An einem zusagenden Standort braucht sie noch einmal drei Jahre bis sie den Lobpreis des Dichters Eduard Mörike verdient: „Schön bist du, Kind des Mondes, nicht der Sonne“. Minnegesang und eine Gabe abgelagerter Mist oder Kompost sind dann aber auch das einzige was sie braucht. Rückt man ihr zu oft zuleibe oder traktiert sie gar mit ordnungsversessener Hackerei, nimmt sie das übel. Giftig ist sie ohnehin. Zwei Gramm Helleborus, abgeleitet vom griechischen „helein“ für „morden“ und „bora“ für „Nahrung“ sollen beim Menschen tödlich sein. Mit den Augen genossen, bewirken Christrosen dagegen genau das Gegenteil. Bei Wintertristesse sind sie die beste Medizin. Wie gut, dass „die Schneerosenerfrischungen bis zum Frühling gereicht werden“, wie Karl Foerster sagte.